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Gemeindebesuche im weinroten Bully der Diakoniestation

Das eigene Fahrzeug hat die Diakonie-Schwester wesentlich beweglicher gemacht. Sie lernt auch die entfernteren Gemeindeglieder kennen und erfährt dabei, wo wiederholte Besuche am notwendigsten sind. Wir hingegen stellten mit Schrecken fest, wie stark sich der Alterungsprozess fortgesetzt hat: Das sichtbarste Zeichen sind die vielen Krücken, das fühlbarste der geistige Verfall: Grete S. im Altersheim beklagte sich, dass sie nie Post bekäme, dabei steckten ihre Briefe in einem Kästchen auf dem Nachttisch; auch ihre Besucher vom Geburtstag vor 14 Tagen hatte sie vergessen – aber im Moment freute sie sich sicherlich über unseren Besuch und wir nahmen ihr Hörgerät zur Reparatur mit nach Köslin.

Schwester Iza 
Glowka mit der Vorsitzenden der Rita von Gaudecker Stiftung, Dr. Rita Scheller

Ein besonderes Problem sind die Gemeindeältesten: Einige sind erst über die Siebzig, doch durch ihre pflegebedürftigen Ehemänner stark ans Haus gebunden. Sie versicherten uns, dass sie 2003 nicht erneut kandidieren wollten, trotzdem gern weiter schriftliche Arbeiten, Abrechnungen und Telefonate für die Gemeinde übernehmen werden, um auf andere Gedanken zu kommen. Bei den inzwischen über Achtzigjährigen hatten wir schon vor zehn Jahren versucht, eine jüngere, patente Nachfolgerin zu fördern; doch in drei Fällen starben die potentiellen Nachfolgerinnen ziemlich bald und die langjährigen Gemeindeältesten standen wieder alleine da. Die wenigen jüngeren Frauen können nur wenig Deutsch und glauben allmählich fast selber, dass sie für das Amt der Gemeindeältesten unfähig seien, weil ihnen das so oft versichert wurde.


Ein neues Gesangbuch

Natürlich ist die Enkelgeneration anders geprägt als die Frauen, die 1945 schon erwachsen waren. Diesen Frauen muss man erklären, dass wir zwar 110% Deutsche sind und die deutsche Sprache fördern wollen, wo immer es geht – zum Beispiel, indem wir zwei jungen Leuten in Köslin für ein Jahr einen privaten Intensivkurs-Deutsch bezahlen – wir aber in Luthers Sinne durchaus gewillt sind, auf die „Herzenssprache“ Rücksicht zu nehmen. Dazu bietet das neue polnische evangelische Gesangbuch manche Möglichkeit, das nach vielen Jahren der Vorbereitung endlich gedruckt wurde, erstmals auch mit Noten. Verschwiegen wird allerdings der Druckort: Da das ev. Verlagshaus Augustana nicht über die ausreichende Technik verfügt, wurde das neue Gesangbuch der Protestanten Polens in der Druckerei der römisch-katholischen Erzdiözese Oppeln fertiggestellt. Ein Zeichen der Ökumene!

Vorbild ist die bayrische Ausgabe des EG. Aus Kostengründen musste allerdings auf den Bildteil verzichtet werden. Auch bei den meditativen Zwischentexten beschränkte man sich – wohl mit Rücksicht auf die dortigen Gemeinden – auf Bibelworte. In unserem EG stehen zuweilen Verse, die in andere Sprachen übersetzt wurden. Doch bei uns blieb es die Ausnahme, in Polen ist es schon eher die Regel: Bei jedem Lied stehen die Anfangsworte in der Ursprungssprache, häufig folgen dem polnischen Text einige meist deutsche Verse. Ein Drittel aller Lieder stammt aus Deutschland, andere aus dem Englischen oder dem Skandinavischen. Stärker als bei unserem EG sind die des 18. und 19. Jahrhunderts sowie das Liedgut des Pietismus und der Gemeinschaftsbewegung aufgenommen worden. Wie der Präsident des Martin-Luther-Bundes, Dr. Claus-Jürgen Roepke, bei der Einführung des neuen Gesangbuches am Sonntag Kantate erklärt hatte, ist dies Gesangbuch ein „bewegendes Zeugnis der geistlichen und kulturellen Verbundenheit zwischen Polen und Deutschen“ und „Dokument der spirituellen Einheit des Protestantismus im Herzen Europas“. Der Pastor könnte also zusätzlich zur Nummer im EG nach Erstellung einer Konkordanz jeweils die Nummer aus dem polnischen Gesangbuch angeben.


Hochwasser und Ökumene

Während unseres Seminars – vgl. Heimatkirche August 2002 – hielt der evangelische Bischof Bogusz aus Breslau einen Vortrag über die grenzübergreifende Kooperation. Bei ihm in Schlesien scheint die Lage der deutschsprachigen Gemeinden erfreulicher als in Pommern zu sein, weil sich dort viele deutsche Firmen wie Henkel ansiedelten, deren Mitarbeiter zu den deutschsprachigen Gottesdiensten kommen. Hier in Pommern sind nur die großen Handelsketten vertreten wie Real, LIDL und Schuh-Deichmann.

Mit unserem Seminarthema: „Wasser ist Leben – es trennt und verbindet Nachbarvölker“ waren wir der Zeit nur eine gute Woche voraus. Eben rief eine der Jubiläumskonfirmandinnen aus der Elbaue an, dass sie endlich wieder Telefonverbindung habe und nach einer Woche wieder in ihre Wohnung dürfe und ihr die Seminarthemen und das Sommerfest immer wieder durch den Kopf gehen. Besonders betroffen ist sie vom verwüsteten Friedhof, wo ihre aus Pommern vertriebenen Eltern ruhen. Beglückt ist sie, dass „Wasser“ nicht nur Völker, sondern auch Menschen verbindet, die sich angesichts des Wassers gegenseitig helfen.


Einzelschicksale

Für Frau Dr. Rita Scheller war war es im Juli/August schon die dritte Pommernreise im Jahre 2002. Im Vergleich zu Januar/Februar und Mai 2002 freute sie sich über einige positive Veränderungen: Im Mai lag Hertha J. aus Wisbuhr ganz elend im Bett und konnte sich kaum zum Foto aufsetzen, jetzt hatte sie wieder zwei Kilo zugenommen und ging in der Küche herum. Gerti J. aus Neustettin lag im Januar nach Schlaganfall im Bett und konnte sich kaum artikulieren, im Mai saß sie im Sessel und ging ein wenig im Zimmer herum und jetzt wagte sie sogar, zu unserem Treffen in die Kapelle zu kommen. Dann sollten wir unbedingt noch Vera B. in Rosnow aufsuchen, der es nach Schlaganfall ziemlich schlecht ginge. Doch wir trafen sie nicht zu Hause an, sondern am anderen Ende des Dorfes, weil sie zur Apotheke radelte. Das hatte ihr der Arzt verboten, aber immerhin war es ein Zeichen von wiedergewonnener Beweglichkeit.

Als Schwester Iza das reparierte Hörgerät ins Altersheim nach Belgard zurückbrachte, sah sie Grete S. noch, konnte sie aber nicht sprechen, weil sie ein starkes Medikament bekommen hatte und schlief. Eine Woche später erhielt ich dann einen Anruf, dass wieder ein treues Gemeindeglied von seinen Leiden erlöst worden war. Dabei denke ich auch besonders an die unlängst verstorbene Elsbeth Lubenow, die schon seit Jahrzehnten kränkelte und die ich häufig auf dem Abbau von Ratzbuhr besucht hatte. Im Juli kam ich zu spät.

Einige Frauen, die schon länger nicht mehr in der Kirche gewesen waren, wollten Anfang August zum Seniorennachmittag nach Stolp oder zum Gottesdienst nach Köslin kommen – auch Else Hoppe aus Stolp, die im August 93 werden wird - wenn sie abgeholt werden könnten.

Zwei gute Seelen

Schw. Eva M. (+) bei ihrem letzten Besuch bei Hannchen R. (+), Belgard.

So erfreulich das im Einzelfalle auch ist, doch können wir nicht erwarten, dass diese Frauen jemals wieder aktiv ins Gemeindeleben eingreifen können. Doch unsere Hilfe brauchen sie weiterhin und auch das Gefühl, dass sie nicht ganz vergessen sind. Darum habe ich mir fest vorgenommen, auch 2003 wieder Besuche zu machen, obwohl auch mich die Last des Alters zu drücken beginnt, denn auch bei uns kommen die Helfer in die Jahre und halten nach Mitmenschen Ausschau, die für ein paar weitere Jahre bereit sind, die Besuchsdienste zu übernehmen. Selbst unsere Rita Scheller sehnt sich inzwischen nach der Rückkehr von einer Tagestour nach nichts so sehr wie nach einem Schläfchen. Wer ist bereit, in Zukunft mitzuhelfen?

Brigitte Schmidt, Lübeck

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