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- Aus den Gemeinden Köslin und Belgard -

... Meine Besuche bei den alten und kranken evangelischen Deutschen ...

Besuche gehören weiterhin zu den Kernaufgaben des Helferbundes, obwohl man durch sie kaum Ruhm und Ehre und öffentliche Anerkennung gewinnen kann und die Fahrtkosten ständig steigen. A. Karp betont, daß es überall sauber und ordentlich aussah. Das hat sich in den letzten 25 Jahren geändert: Damals kam einem dicker Mief entgegen und ich konnte die Pastoren durchaus verstehen, die nicht gern Hausbesuche machten. Woran liegt das? Damals arbeiteten viele Gemeindeglieder noch in den Viehställen, heute sind sie längst Rentner. Nach der Wende gab es endlich gutes Waschpulver zu kaufen; Waschmaschinen, fließend Wasser und Abwasserversorgung hielten nicht nur in den Städten Einzug, und schließlich gibt es inzwischen auch „Pampers“. Diese Verbesserungen müssen natürlich mit Geld bezahlt werden. Materiell hat sich manches verbessert, doch verschlimmert hat sich die Einsamkeit. Damals hatten die alten Menschen noch deutschsprechende Töchter, die heutigen Alten sind die letzte Generation, für die die deutsche Muttersprache der größte Schatz ist. Das ist für jüngere Leute schwer nachzuvollziehen: “Ihr könnt doch alle polnisch reden!“ drs

Beim Sommerfest in Zitzmin und dem Seminar in Köslin (vgl. Heimatkirche August) hatte ich bereits viele der noch etwas rüstigeren Gemeindeglieder getroffen. Aber viele der alten Frauen können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an auswärtigen Treffen teilnehmen. Weil ich seit 12 Jahren an fast allen Veranstaltungen des Pommernkonvents teilgenommen habe, freute ich mich auf das Wiedersehen mit jedem Einzelnen. Nach dem Seminar blieb ich noch sechs Tage in Köslin und schlief in einem Gästezimmer im ganz neuen evangelischen Gemeindezentrum neben der Gertraudenkapelle.

Bei allen meinen Besuchen spürte ich die Freude über das Wiedersehen und über die Abwechslung im eintönigen Tagesablauf. Die alten Frauen wohnen meistens mit ihren Kindern und Enkeln zusammen, die aber den ganzen Tag zur Arbeit weg sind und die sich darum oft einsam fühlen. So sagte Lene zu mir, sie wünsche sich oft einen Menschen, der Zeit zum Zuhören hat und dem sie ihr Herz ausschütten kann.

Einige Frauen sahen mich zunächst erstaunt an, weil ich sie zum ersten Male besuchte. Sobald ich aber Grüße von Frau Dr. Scheller bestellt hatte, war sofort ein herzlicher und vertrauter Kontakt hergestellt. Sie erzählten dankbar, wie oft ihnen Frau Dr. Scheller durch Spenden des Pommernkonvents geholfen habe, z.B. hatte Vera einen Rollator bekommen, mit dem sie mich später beim Abschied bis zur Straße brachte, und Erika konnte mit ihrem neuen Hörgerät wieder richtig hören.

In der Stadt wohnen die Frauen meistens in den in der Nachkriegszeit erbauten großen „Blocks“, häufig im 4. oder 5. Stockwerk. In den Dörfern leben sie in kleinen abgelegenen Häusern, die schwer zu finden sind, weil es noch keine Straßennamen gibt. Bei allen waren die Wohnungen sauber und aufgeräumt, obwohl ich unangemeldet kam. Die meisten boten gern Kaffee und Gebäck an, doch sie freuten sich auch über meine Mitbringsel wie Tee, Seife, Hautcreme oder Obst.

Den beiden 1919 geborenen Frauen merkte man ihre altersbedingten Beschwerden deutlich an. Bei einigen Besuchen spürte ich, wie liebevoll sich die Töchter um ihre Mutter kümmerten. Die liebe Anna traf ich nicht in ihrer Wohnung an, denn wegen ihres gebrochenen Beines war sie bei ihrer Tochter am anderen Ende des Kreises. Sie erzählte von den Beschwerden mit dem eingegipsten Bein, der so schwer war, damit sie nicht auf den Gedanken kommen sollte, ein paar Schritte zu laufen. Trotzdem war sie froh und zuversichtlich, weil Tochter und Enkelin sie während ihres Urlaubs treu umsorgten. Ich erfuhr, daß die meisten Frauen eine Rente zwischen 600-800 Zloty bekamen (bei einem Kurs von 1,- € zu 3,20 Zloty), davon gehen monatlich meistens 200,- Zloty für Medikamente ab, die sie voll bezahlen müssen. Etliche erzählten auch von ihrer schweren Jugendzeit.

Die letzten beiden Tage machte ich dann gemeinsam mit der gerade eingetroffenen Frau Dr. Scheller weitere Besuche. Wir erlebten, wie es einer kinderlosen Witwe im Belgarder Altersheim erging. Dabei begleitete uns ein Gemeindeglied, das sich regelmäßig liebevoll um Irma kümmert. Wir lasen gemeinsam einen Psalm und ein Gebet aus einem Heftchen des Diakonischen Werkes und sprachen gemeinsam das Vaterunser. Wir merkten Irma, die mit vier anderen Frauen in einem Zimmer lebt, die Traurigkeit an. Sie braucht besonders die liebevolle Zuwendung von Mitmenschen.

Die Frauen in den abgelegenen Dörfern haben oft kein Telefon und kaum eine Busverbindung besonders am Wochenende, um in die Stadt zu Gottesdienst und Bibelstunde zu kommen. Sicherlich fehlt es zuweilen oft auch an Eigeninitiative. Da ist das Benzingeld für den Nachbarn oder den Enkel, bezahlt aus den Spendengeldern, oft die einzige Möglichkeit, mit den anderen Gemeindegliedern zusammenzukommen.

Mir sind diese Frauen - Männer gibt es kaum noch in den Gemeinden – lieb und vertraut geworden und ich freue mich schon auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr!

Adalhild Karp, lange Anklam, seit 2007 Hamburg



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