Zurück zu den Berichten aus der Arbeit
Manche mögen diesen Ausdruck als abfällig empfinden, hier ist er aber wörtlich zu nehmen: Obwohl die allerschlimmste Kälte in Hinterpommern mit minus 20 Grad schon vorbei war, als wir ankamen, war es draußen und drinnen immer noch tüchtig kalt. Man trug zwei Strickjacken übereinander und ich beneidete die anderen, die noch zusätzlich eine Lammfellweste anhatten. Sicherlich gab es ein paar zentralgeheizte warme Stadtwohnungen, doch im Priesterseminar, wo wir wohnten, in den ländlichen Wohnungen mit Ofenheizung in einem Zimmer und auf der Diakoniestation war es eher eisig. Bei der Station war es zum Teil meine eigene Schuld, denn im vorigen Jahr wurde die Temperatur durch geöffnete Fenster reguliert und wir hatten darauf bestanden, Thermostate einzubauen, um Heizkosten zu sparen. Jedenfalls bekamen wir hautnah mit, wie viel schwerer es die meisten Menschen dort im Winter haben als wir im Westen.
Kein Wunder, dass vor und auch in den Häusern noch überall die Krippen und die Tannenbäume standen und sie nicht einmal besonders nadelten. Seit 1980 ist die Dekoration viel glitzernder geworden. Bei uns dauert die Weihnachtszeit 12 Nächte, bis zum 6. Januar, Hl. Drei Könige oder Epiphanias genannt; in der Familientradition ging sie auch ein bisschen bis zum 2. Februar, dem Fest von Mariae Lichtmless oder war es bloß, weil dann meine Großmutter Geburtstag hatte? In Pommern dauert sie heutzutage 40 Tage, ähnlich wie die Passionszeit oder die Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt.
Seit der liturgischen Reform der katholischen Kirche im Jahre 1969 sollte der 2. Februar eigentlich nicht mehr als „Mariae Lichtmless“, sondern als „Fest der Darstellung des Herrn“ gefeiert werden, der Tag, an dem Josef und Maria ihren Sohn in den Tempel brachten und der greise Simeon Gott lobte und Jesus als Licht bezeichnete, das die Heiden erleuchtet (Lukas 2, 22-39). Dies Fest wird seit dem 5. Jahrhundert gefeiert. Darum werden auch heute noch im Gottesdienst am 2. Februar Kerzen geweiht, die die Geistlichen und Gläubigen in einer Prozession durch die Kirche tragen. Diese lange Weihnachtszeit färbte auch auf die evangelischen Familien ab und bringt ein bisschen Licht und Wärme in die kalte, meist trübe Jahreszeit.
Unsere Hauptaufgabe lag darin, in der Diakoniestation die Jahresrechnung und die Arbeitsberichte für 2002 abzunehmen und die Arbeit für 2003 zu planen, dabei saß man viel am Schreibstisch bzw. am PC. Weil viele Aktivitäten erst im Laufe des Jahres 2002 begonnen hatten, konnte die Station einen schönen Überschuss erwirtschaften, der aber 2003 bereits für laufenden Kosten verplant ist. Die Buchführung ist sorgfältig und transparent, das Inventar in gutem Schuss. Im Frühjahr wollen die Frauen bei der Neuanlage des Gartens helfen und die Männer die Holzmöbel überlackieren. Dankbar ist die Stationsschwester für Spenden vom Heimatkreis Köslin, vom Sozialwerk der Pommern und manchen Einzelbesuchern. Geld für Verbrauchsmaterial und Investitionen fehlt und dafür müssen Spender eingeworben werden. Der Diakonieschwester ist klar, dass sie zusätzlich Geldquellen, z.B. über das Sozialamt der Stadt oder aus EU-Mitteln, nur bekommen kann, wenn sie neue, gemeindeübergreifende Projekte entwickelt. Darüber soll im Februar mit dem Diakonierat der evangelischen Gemeinde und der Beratungsärztin diskutiert werden.
Die Gertraudenkapelle, im Vordergrund rechts der Bauzaun des neuen Gemeindezentrums.
Eigentlich sollte das Gemeindezentrum schon unter „Dach“ sein, doch zwischendurch musste die Baufirma ein Einkaufszentrum bauen und dann kam der große Frost. Momentan hütet nur ein Wachmann den Rohbau; doch mit Beginn der wärmeren Jahreszeit soll dieser erste Bauabschnitt beendet werden. Der weitere Baufortschritt hängt dann von den eingehenden Zuschüssen der großen Werke ab. Jedenfalls wird die Graudenzerstraße/Mireckiego 2 mit der Diakoniestation und dem Gemeindesaal vorläufig noch gebraucht. Dort trafen wir uns auch zu einer Dia-Schau über meine Reise nach Neuseeland – kein besonders biblisches Thema, doch es entführte die Teilnehmer, die auch aus Belgard und Schivelbein gekommen waren, einmal in eine ganz andere fremde Welt, die aber verwandt genug war, um sich hineinfühlen zu können, zumal die Sinne durch Kiwi-Früchte und „Kauri-Gummi“ - ein Harz, das unserem Bernstein ähnelt, aber das kaum vermarktet wird - unterstützt wurden.
Es klang Bedauern an, das inzwischen so selten deutschen Pastoren zu Bibelstunden und Seniorentreffen kommen. Einige sind gestorben wie Pastor Tettenborn, andere nicht mehr gesund genug, um sich solche Unternehmungen zuzutrauen. Im Sommer kommen noch am ehesten Besucher, doch gefragt sind solche im Frühjahr und im Herbst. Termine müssen natürlich mit dem Pastor der Gemeinde abgesprochen werden. Ich vermittele das gern.
Die Kirchen waren eisig, die Besucherzahlen gering, weil am Morgen der gefürchtete Eisregen eingesetzt hatte. In Belgard kam noch hinzu, dass die Eisenbahnstrecke Kolberg-Belgard wegen des Großfeuers in Körlin, bei dem Teile des Brandschuttes auf die Schienen gefallen waren, gesperrt war. Um so mehr freuten sich die Gemeinden über unseren Besuch und die Grüße, die wir ausrichteten.
In Belgard musste zweier unlängst Verstorbener gedacht werden: Die eine ist Traute Stolarska geb. Gudasch, geb. 1931, nicht verwandt mit der Kösliner Gemeindeältesten. Sie war schwerhörig und war vor ein paar Jahren dankbar, dass wir ihr ein Hörgerät vermitteln konnten. Der andere ist Peter Klug, ein erfahrener Fischer aus Kolberg, erst in den Fünfzigern. Weil sein Boot wegen des Eises am Ufer nicht nahe genug an die Mauer fahren konnte, wollte er ans Ufer springen, rutschte aus und fiel ins Wasser. Seine Mutter wurde gerade rechtzeitig zu seiner Beerdigung aus dem Kösliner Krankenhaus entlassen, wo sie über zwei Monate gelegen hatte, weil die Wunden wegen ihrer Diabetes nicht so recht heilen wollten. -- Die Kösliner Gemeinde betrauert Hertha Jeske, 1926 in Wisbuhr geboren. Vor einem Jahr ging es ihr schon ganz schlecht, im Sommer hatte sie sich wieder ein bisschen erholt, doch jetzt wollte sie nichts mehr essen, wog nur noch 35 Kilo, wurde kurz vor Weihnachten zuletzt von der Diakonieschwester besucht und starb am Heiligen Abend. Die Trauerfeier fand in Bublitz statt. Auf ihren besonderen Wunsch soll sie in Posen eingeäschert werden, was in Pommern erst ganz allmählich in Mode kommt.
Die deutschen Gedenksteine auf dem Friedhof in Köslin wirkten so friedlich und man könnte denken, man sei in die alte Zeit zurückversetzt.
Bei herrlichem sonnigen Winterwetter fuhren wir von Köslin nach Stolp, doch mir kamen andere Assoziationen: Gedenken an 1945, als der Schnee sich wie ein Leichentuch über die weite pommersche Landschaft gelegt hatte und in den schneebedeckten Chausseegräben Wagenreste, verlassene Gepäckstücke und Kinderleichen lagen. Ein paar Tage später nach dem Tauwetter sah man einige frische grüne Saaten, aber man konnte auch die überaus vielen Brachflächen bemerken.
In der Johanniter-Sozialstation in Stolp fand gerade ein Fortbildungskurs für die Schwestern der Johanniter-Stationen Stolp, Bad Polzin und Gr. Tychow statt, alles frische freundliche Schwestern, die auch mir interessiert zuhörten.
Dann besuchten wir Pastor Makula im Pfarrhaus, das ich schon aus Zeiten seiner Vorgänger kenne: Pastor Kraftczyk, Pastor Warczynski, Pastor Mrowiec und Pastor Sikora. Die Gemeinde hat also Übung im sich Umgewöhnen und es klingt so, als ob sie mit dem neuen Pastor zufrieden sind. Ich zitiere Lottchen Gorecka, die nie die erste Geige in der Gemeinde gespielt hat, die jedoch immer meine Stütze beim Anstimmen der Lieder gewesen war: Möchte meinen herzlichen Dank für Ihre Spende für die Adventsfeier mit unserem neuen Pastor Makula sagen. Wir waren über alles sehr begeistert. Es war soviel auf dem Tisch, wir waren ganz erstaunt. -- Heilig Abend bekamen wir ein Licht. Beim Schlusslied „O du fröhliche“ wurde die Kerze angesteckt, es war richtig feierlich wie niemals zuvor. Ich freue mich über den neuen Pastor. Er verteilte auch die Kalender und besuchte vor Weihnachten alle, die im Herbst nicht in der Kirche sein konnten.“
Ich selber habe den Pastor noch nicht bei Predigten oder Andachten erlebt, sondern nur bei sachlichen Gesprächen. Am Tage vor unserer Ankunft hatte er in Warschau beim Konsistorium sein 2. Theologisches Examen abgelegt und wurde - aus gegebenem Anlass – besonders intensiv über die Probleme bei kirchlicher Rechnungsführung geprüft. Auf konkrete Fragen gab er uns konkrete Antworten und hielt „Transparenz“ nicht für das „Unwort des Jahres“. Sein Haus ist inzwischen ordentlich renoviert, ein Teil der Kosten wird ihm vom Konsistorium erstattet werden.
Mit der Reparatur der Kreuzkirche kann er im Frühjahr beginnen. Problematisch ist der Einbau der Toilette wegen der Abflussrohre, weil der städtische Platz rings um die Kirche gerade wunderschön neu mit Platten belegt wurde und die Stadt dagegen ist, dass er jetzt aufgerissen wird; vor drei Jahren zur Zeit des Vorgängers wäre das alles leichter gewesen. Der Pastor bemüht sich, nach vorn zu schauen und nicht über verschüttete Milch zu klagen. Sein Vorgänger hat den Bus mitgenommen; in den PKW passen längst nicht alle evangelischen Frauen, die an der Landstraße nach Glowitz stehen und mitgenommen werden möchten, weil der Busverkehr sonntags so selten ist. Es wäre sicherlich nicht diplomatisch, die Eigentumsfrage des Busses vor einem Zivilgericht klären zu lassen.
Wir übergaben ihm die Adventskollekte aus der Lukaskirche in Hannover. Davon will er den evangelischen Kindern aus Stolp einen Zuschuss zum evangelischen Winterlager geben. Alle von ihnen haben eine deutsche Großmutter. Bislang hatte sich niemand darum gekümmert, dass auch die Stolper Kinder andere evangelische Kinder in kirchlichen Ferienlagern treffen konnten. Für ein paar Dollars aus den USA wollte er Ilse Florczyk ein Radio kaufen: sie ist schwer krank, strahlt aber immer noch Mut und Fröhlichkeit aus. Zusätzlich bekam sie den grauen Star, so dass sie nicht mehr lesen kann, auch der Fernseher eher Belastung als Freude ist. Mit dem Radio kann sie sich noch ein paar schöne Stunden machen. Auch der tüchtige Stolper Kurator Siegfried Markwart braucht dringlich unsere guten Wünsche für seine Gesundheit. Zum Stolper Treffen in Hannover im Mai ist der Pastor eingeladen und er wird Gemeindeälteste mitbringen, wenn sich für sie ein Freiquartier finden lässt.
Meine Mutter behauptete Zeit ihres Lebens: „Wenn eine Hausgehilfin klaut, dann ist es weitgehend Schuld der Hausfrau!“ Diese Lebensweisheit kann man auch auf andere Berufe übertragen: Ich bitte alle Pommernreisenden, Spenden nur zweckbestimmt zu übergeben, denn von den allgemeinen Spenden müssen die Pastoren Prozente an das Konsistorium nach Warschau abführen, das ja auch Geld braucht. Doch uns sollte das pommersche Hemd näher sein als der Warschauer Rock. Außerdem ist es wichtig, sich stets eine Quittung geben zu lassen und sich später von der zweckgemäßen Verwendung irgendwie zu überzeugen. Der evangelische Altbischof Szarek erklärte mir vor ein paar Jahren: „Pastor ist Pastor, aber Geld ist Geld!“ Die beiden jungen Pastoren in Köslin und Stolp sind besten Willens, alle Geldangelegenheiten ordentlich zu führen, und wir wollen ihnen dabei helfen, indem wir ihnen zeigen, dass wir das zu schätzen wissen.
Eine Sommerreise ist sicherlich erholsamer und bequemer, aber auch im Winter, wenn es schneit, kann man vielfältige Eindrücke sammeln und sein Bild vom heutigen Pommern abrunden. Vor allen Dingen: Die Heimatverbliebenen freuen sich doppelt über den Besuch!
Rita Scheller