Zurück zu den Berichten aus der Arbeit
Als ich meine Arbeit vor mehr als 25 Jahren begann, präsentierten uns die deutschen Großmütter gern ihre Enkel, heute sind diese längst erwachsen und die Urenkel wachsen heran. Allerdings beginnt man in Polen mit dem Kinderkriegen früher als bei uns. Der Winter 2006 war knackig kalt mit herrlichen Fotomotiven, der jetzige ist recht mild: Das freut die alten Menschen, die Feuerung sparen können und es immer noch kälter haben als in unseren zentralgeheizten Wohnungen. Beliebt sind wieder die geschlossenen Kamine mit Holzabfällen.
In den 12 Tagen hielten wir je eine Bibelstunde über den Liederdichter Paul Gerhardt in Stettin und in Köslin, besuchten die Gottesdienste in Stolp und Schivelbein, trafen uns mit dem Diakonierat in Kösliner zu einer gemeinsamen Sitzung, der uns Rechenschaft über die Aktivitäten 2006 ablegte und die Pläne für 2007 erläuterte. Dazu war vor- und nachbereitend allerhand Büroarbeit mit Übersetzungen notwendig. Wichtig waren uns die Hausbesuche, besonders bei den alten Gemeindegliedern, die nicht mehr zur Kirche kommen können. Dabei hätte ein Filmteam allein am Augenausdruck feststellen können, ob die Besuchten über oder unter 70 Jahre alt waren: Bei den jüngeren veränderte sich der Ausdruck gar nicht, wenn wir Liedertexte von Paul Gerhardt zitierten, doch bei den Älteren – auch denjenigen, die schon ziemlich dement waren – fingen die Augen an zu leuchten, allmählich bewegten sich die Lippen, dann sprachen sie sogar mit. Mit dem Kopf können sie nahezu perfekt Polnisch, doch die Herzenssprache ist Deutsch geblieben. Für diese Menschen ist unser Einsatz weiterhin wichtig.
In einem Falle konnten wir sogar einen Konflikt lösen helfen: Ein älterer Mann, geboren bei Lodz, geprägt durch den Volkstumskampf seiner Familie aus den Zwischenkriegszeit, wurde zunehmend zorniger und kirchenferner, weil der Pastor nicht auf seine seelischen Sonderwünsche einging, war doch die Schivelbeiner Gemeinde mit der polnischen Gottesdienstsprache seit vielen Jahrzehnten eine der wenigen, die junge Gemeindeglieder mit Kindern gewinnen konnte. Ob die wohl aus der Kirche ausgetreten wären, wenn der Pastor auch zusätzlich die Liednummer nach dem Evangelischen Gesangbuch angesagt hätte und einer die Lieder in der Sprache Luthers und Paul Gerhardts gesungen hätte? Erstaunlich viele Lieder von Paul Gerhardt – etwa 20 – wurden ins Polnische übersetzt und ins neue Evangelische Gesangbuch Polens übernommen.
Von Teschendorf / Dramburg sind es 50 km bis Schivelbein mit dem Auto des Schwiegersohnes. Nach Belgard sind es sogar 75 km, aber die zusätzlichen Spritkosten sind es unserem Gemeindeglied durchaus wert. Seine Frau ist in Teschendorf geboren, spricht mit pommerschem Zungenschlag, war auch manchmal auf unseren Veranstaltungen, doch sie gehörte schon immer zur kleinen katholischen Minderheit im südlichen Pommern. Weil der Pastor auch einverstanden ist, konnte doch noch ein Konflikt beigelegt werden.
Der Kösliner Pastor freut sich, daß er inzwischen etwa 20 Kinder hat, die zum evangelischen Religionsunterricht kommen; vier davon sollen in diesem Jahr eingesegnet werden und mit diesen möchte er im Herbst eine Fahrt nach Wittenberg machen. Im Sommer ist wieder die Teilnahme an mehreren evangelischen Ferienlagern geplant, unter anderem auch an einem Sprachlager in Schlesien, wo die Kinder in die Anfangsgründe der deutschen Sprache eingeführt werden sollen.
In Stolp hat man die gewaltige, aus Deutschland gestiftete Orgel, für die man eine neue Kirche hätte bauen müssen, nach Schlesien weiter verschenken können und von dort im Tauschwege eine kleinere erhalten - jetzt muß nur noch das Geld gesammelt werden, um sie in Stolp einzubauen.
Der Stettiner Pastor Gas wurde zum 1. März an die Hauptkirche nach Warschau berufen und wurde am 18.2. verabschiedet. Wir sind gespannt auf seinen Nachfolger: Er übernimmt keine leichte Aufgabe, muß er doch der kleinen deutschen Gruppe deutsche Gottesdienste halten, die Kontakte zur Bonhoeffer-Gesellschaft und dem offiziellen Partner, der Pommerschen Evangelischen Kirche, pflegen. Rita Scheller
Rita Scheller